Kapitalisten aller Länder, vereinigt Euch!
Zeichnungen von Peggy Meinfelder

Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurück drehen — so oder so ähnlich lernten es die Schüler im Staatsbürgerkundunterricht der DDR bis 1989.i Dann allerdings sollte es anders kommen. Ohne viel Schwungkraft lief dieses Rad plötzlich anders herum, recht „friedlich“ eben, und nahezu reibungslos. Man schrieb immer noch das Jahr 1989, doch ein Staat und darüber hinaus ein ganzes Gesellschaftssystem sollten infolge aufhören, zu existieren. Nachdem die „Ossis“ und die „Wessis“ vorwiegend Zentral- und Osteuropa noch eine Weile beschäftigten, konzentriert sich nach dem Clash der Kulturen und den Globalplayers längst wieder alles auf das Wesentliche: die Weltwirtschaft, welche in ihrer momentanen Krise ein verzerrtes Bild einer „AAEU (Asien-American-European Union)“ hervorruft und alles und jeden vereint. Der Rest hält sich raus oder interessiert sowieso nicht.

Von Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn an beschäftigt die 1975 in Hildburghausen geborene Peggy Meinfelder Geschichte und deren Konstruktion, wobei jenes spezielle Kapitel der deutschen Vergangenheit eben auch ein autobiografisches der Künstlerin ist. Schon mit ihrer Studienarbeit „Versteinerungen“ an der Bauhaus-Universität Weimar hatte Meinfelder technische Geräte zur Bild- und Tonaufzeichnung per Materialtransformation (Betonguss) künstlich „fossilisiert“, d.h., Vehikel des Speicherns und Dokumentierens im selben Moment halt- wie unbrauchbar gemacht. Genau dieser (weltanschauliche) Ansatz, der nicht Geschichte an sich, aber eben deren Schreibung wenn nicht nihiliert, so doch stark bezweifelt, durchzieht das gesamte bisherige Werk der Künstlerin. So „sprachen und erinnerten“ dann in der Installation 100 Westmark (2003—2006) zwar die Dinge selbst, hatten aber als Teile einer „bewahrenden Sammlung“ schon ihre eigentliche Bedeutung als Warenfetische verloren. Die Künstlerin hatte zahlreiche Freunde und Bekannte, später dann fremde, über Internet kontaktierte ehemalige DDR-Bürger aufgefordert, ihr die Gegenstände, welche für das sog. Begrüßungsgeld von 100,— DM erworben worden waren, zu überlassen. Kleine Zettel in der Art von in Archiven verwendeten Beschriftungsetiketten dokumentierten die einstigen, jeweils persönlichen Umstände des Erwerbs der Konsumgüter. War es hier also das „Archiv“ als künstlerisch zeitgenössische Form, das helfen sollte, über ein individuelles das kollektive Gedächtnis frisch zu halten, nutzte Meinfelder anschließend die medial traditionellere Zeichnung. Wiederum schien es ihr in erster Linie darum zu gehen, tatsächlich „aufzuzeichnen“. Sie suchte nun erneut Dinge zu bewahren, die Wert und Gültigkeit verloren hatten, doch droht(e) deren Referenzebene unmittelbarer noch als die der 100-Westmark-Objekte aus der Erinnerung zu schwinden. Meinfelder entriss Zeichen und Symbole des untergegangenen DDR-Staates — meist vormals weit verbreitete, populäre Abzeichen und Orden (Sportabzeichen etc) — dem Strom des Vergessens, indem sie diese in Punktzeichnungen überführte und dokumentierte. Die Künstlerin hatte sich jene Technik des wissenschaftlichen Tuschezeichnens angeeignet, um wie Paläontologen etwa die größtmögliche Objektivität der abzubildenden Gegenstände zu gewährleisten. Da Objektivität und Wirklichkeit Begriffe sind, die Peggy Meinfelder seit ihrer Studienzeit hinsichtlich deren Relativität beschäftigen, lag es nahe, das reine Dokumentieren bzw. das „Geschichtszeichnen“ nach und nach etwas freier zu handhaben. So entstehen seit 2008 verschiedene Serien von Tuschezeichnungen (shake hands, Medienbilder und Porträts) nach massenmedial verbreiteten Bildvorlagen, die sich nur bedingt an die „Vorbilder“ halten. In jener reduzierten Zeichentechnik, welche die Realität zu garantieren scheint, führt Meinfelder eine Reihe von Politikerporträts vor, deren formale Darstellung auf die alten emblematischen Formeln des kommunistischen Systems zurückzuführen ist, etwa wenn Schröder und Putin Profilkopf an Profilkopf wie einst Marx und Engels erscheinen. Andererseits schüttelt auf einer Zeichnung der Künstlerin Kurt Schumacher von der „West-SPD“ statt Otto Grotewohl die Hand Wilhelm Piecks (der historisch korrekte Handschlag schmückte wiederum als zentrales Motiv das Parteiabzeichen der wirklichen SED). Also: Alles eins?
Mit ihren zeichnerischen „Transformutationen“ geht es Peggy Meinfelder sicher weniger um das Aufzeigen der Manipulierbarkeit massenmedialer Bildvorlagen durch nochmalige und auch mediale Veränderung. Was aber treibt die Künstlerin an und um, die Geschichte derart umzuschreiben? Was wäre passiert, wenn Fidel Castro tatsächlich Helmut Schmidt auf Meinfeldersche Weise getroffen und diesem herzlich die Hand geschüttelt hätte? Wäre alles anders gekommen? Wohl kaum. Man denke nur an Tibet und China — überall Händegeschüttel.

Wie bspw. die rumänischen Künstler Dan Perjovschi und Mona Vatamanu/Florin Tudor, setzt nun sicher auch Meinfelder nicht auf jenen künstlerischen „Retro-Trend“, die politische Ikonographie der Formeln und Floskeln von einem auf das andere System zu übertragen, um womöglich zu demonstrieren, dass im Sozialismus nicht alles schlecht war (usw.).
Außer einer gewissen Enttäuschung oder Desillusionierung dem neuen/alten System gegenüber, will man vielleicht auch die Konstanz bestimmter menschlicher Eigenschaften über alle Zeiten hinweg demonstrieren. Zudem lassen die Arbeiten Meinfelders auch eine Art Machtlosigkeit dem Umstand gegenüber erkennen, dass mit dem untergegangenen Staat eben zwangsläufig auch ein Teil der persönlichen Biografie zu verschwinden droht — wenn man nicht immer wieder, jedoch nicht mit „Betroffenen“ in der Selbsthilfegruppe, darüber kommuniziert, also auf künstlerische, raffinierte Art und Weise die kollektive Erinnerung wach hält. Dabei bietet sich dann sogar die Möglichkeit, auch die (vermeintlich) ungebrochene Geschichte der „Anderen“ ein bisschen zu faken.

von Silke Opitz, 2008

Das »Rad der Zeit« oder das »Rad der Geschichte« sind seit dem 18. Jahrhundert im Deutschen gebräuchliche Bilder für den Wechsel durch die Zeitläufte (sic!) und den Fortgang der geschichtlichen Entwicklung. Eine daran angelehnte Formulierung ist möglicherweise durch das »Kommunistische Manifest« (1848) von Karl Marx und Friedrich Engels bekannt und gebräuchlich geworden. Dort heißt es im Abschnitt I (»Bourgeois und Proletarier«): »Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.«, so das russische, akademische online–Wörterbuch/Enzyklopädie http://dic.academic.ru/dic.nsf/ger_enc/32645/Das