Geschichtsbilder

Geschichte sind Geschichten von Menschen, die Erlebnisse aus ihrer eigenen Sicht schildern. Geschichte sind aber auch Dokumente, die in Museen, Archiven und Büchern als Zeugnisse einer gewordenen und vergangenen Welt festgehalten werden. Und Geschichte sind Konstruktionen, die oft genug durch Politik, Wirtschaft und Medien produziert werden.
In diesem Zwischenraum befindet sich Peggy Meinfelder, die in der DDR aufwuchs und die Erfahrungen, Bildungen und Gefühle ihrer Kindheit und frühen Jugend erlebte. Danach wurde sie in ein anderes Geschichtsbild des westdeutschen Kapitalismus entlassen und begann sich zu fragen, wie diese Bilder produziert werden und wie diesen kritisch begegnet werden kann.
Wie kann man seiner eigenen Geschichte, dem tatsächlich Geschehen und historisch Vermittelten habhaft werden und wo findet diese Vermittlung statt?
Die methodische Auseinandersetzung Peggy Meinfelders fängt da an, wo die herkömmlichen Methoden der Geschichtsschreibung und des Erinnerns aufhören.

In ihrer Objektsammlung 100 Westmark, die zwischen 2003 und 2006 entstand, kontaktierte Meinfelder Freunde, Bekannte und Fremde der ehemaligen DDR, um ihr die Gegenstände zu überlassen, die sie von den 100 DM Begrüßungsgeld erworben hatten. Mit der Methode der Archivierung und systematischen Beschreibung werden diese Alltagsgegenstände selbst zum Erinnerungsstück erhoben. In der Installation Westpaket von 2006 wird dann das zeremonielle und persönlich wertvolle Aufteilen und Anordnen des einst erhaltenen Pakets behandelt. Scheinbar gewöhnliche Waren und Lebensmittel werden im Erinnern umgeschrieben und erhalten bedeutende und musealisierte Geschichtlichkeit. Die Relativität der Bedeutungen historischer Ereignisse wird bewusst. Gleichzeitig wird die Objektivität von Geschichtsschreibung bezweifelt und kritisch hinterfragt.

Genau mit diesem konzeptuellen und kritischen Ansatz fährt Meinfelder fort und eignet sich die Technik des wissenschaftlichen Zeichnens der Übertragung an, wie sie in der Paläontologie und Archäologie verwendet wird. Eine vereinfachte, entsubjektivierte Zeichentechnik, die Abbildungsqualität zu garantieren scheint und wissenschaftliche Aufzeichnung ermöglicht. Symbole, Orden und Abzeichnen der ehemaligen DDR und Sowjetunion werden so in der Arbeit Abzeichen (seit 2006) Punkt für Punkt objektiviert festgehalten und erinnert. Oder Politiker der deutsch- deutschen Geschichte werden ebenso emblematisch porträtiert. Doch trotz des exakten Vorgehens wird die Darstellung durch Fehler in der Übertragung und eigene Erfindungen in ihrer scheinbaren Objektivität konterkariert.

Genau diese Frage nach Objektivität möchte Meinfelder in ihrer Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit durch offensichtlich forschendes Vorgehen untersuchen. In einer aktuellen Arbeit, der Reihe shake hands, die seit 2007 entsteht, nimmt sie vergangene, populäre Medienbilder zum Anlass um deren Authentizität zu hintergehen und wiederum subjektiv umzuschreiben. Bilder, welche sich in unserem kollektiven Gedächtnis eingeschrieben haben. Bilder, die einer genauen, sich immer wiederholenden Ikonographie folgen. Diese Selbstinszenierungen von Politikern manipuliert sie durch gezielte Eingriffe. Was wäre passiert, wenn sich 1964 an Stelle von Chruschtschow John F. Kennedy mit Walter Ulbricht getroffen hätte? Wie war das damals denn genau? Trügt uns unsere Erinnerung? Stimmt die Geschichtsschreibung mit tatsächlich stattgefundem überein? Wird Geschichte durch Medien und den nachträglichen Zugriff darauf authentisch vermittelt?

Plötzlich ist man sich nicht mehr sicher. Die Zusammenhänge im Spannungsfeld von Archivierung, wissenschaftlicher Konstruktion, kollektiver Erinnerung und tatsächlich Erlebtem ergeben ein trügerisches Geschichtsbild. Wahrscheinlich kann der Lauf der Geschichte nur bedingt verändert werden. Peggy Meinfelder zeigt aber, dass ebenso die Inszenierungsstrategien, das Händeschütteln und der wissenschaftliche Zugriff dieselben bleiben und diesen nur mit einem kritischen und distanzierten Blick gegenüber getreten werden kann.

von Achim Sauter, 2009