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Peggy Meinfelder »Revision der Produktion«

Der Fall der Mauer war ohne Frage auch ein Akt souveräner Selbstbestimmung von Menschen, die unter einer absurden Machtkonstellation zu leiden hatten. Der fromme Wunsch von neuen Impulsen für eine träge gewordene Demokratie, die das andere Deutschland zu neuen Bundesländern machte, hatte sich allerdings bald wieder in Nichts aufgelöst. Zurück bleibt der schale Geschmack von alten Klischees, die trotz der vorübergehenden Umbruchstimmung wieder reaktiviert wurden – Klischees von der Überlegenheit westlicher Tatkraft gegenüber östlicher Rückständigkeit und der daraus resultierenden Unfähigkeit neoliberalen Anforderungen gerecht zu werden. Die aus dem Westen genossen im Osten zunächst die schauerliche Kulisse von Verfall und Rückständigkeit gemessen an ihren eigenen Standards, gingen aber bald von dieser Art Romantik dazu über, die hierin sich bietenden Chancen zur Investition zu realisieren, und etablierten damit eine Art Kolonialismus im eigenen Land. Als Ausläufer dieses Booms könnte man auch den Hype der Leipziger Malschulen sehen, wobei hier wie dort der Höhepunkt inzwischen erreicht sein dürfte.

Peggy Meinfelder, die im Süden der DDR direkt neben dem Grenzzaun aufgewachsen ist, distanziert sich deutlich von solcher Art Handreichungen und Entdeckungen, die letztlich nur dazu führen, dass der Reichtum der Konsumkultur den Maßstab für Freiheit darstellt. Ihre Arbeit „Westpaket”, führt anschaulich vor, womit die westlichen Gönner zu Zeiten des kalten Krieges Ihre Ost-Verwandten geschenkweise bedachten, und wie sich die Bedachten offenbar durch eine streng formalisierte Aufteilung der kleinen Mengen an billigen Süßigkeiten und Backzutaten über das Gefühl hinwegzusetzen versuchten, als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden. Sie zeigt damit exemplarisch, wie schon im Vorfeld des Mauerfalls die propagierte Freiheit des Westens seine weniger respektablen Seiten nur verhüllte.

In wirklich großem Maßstab wurde die Einladung des neuen Regimes, erste Schritte hinsichtlich eines konsumistischen Daseins zu unternehmen, in Form des so genannten Begrüßungsgeldes überreicht. Für Meinfelder markieren diese „100 Westmark” denn auch eine Art von sozialer Urszene, anhand von deren Spuren sie die bis heute bestehenden symbolischen Mauern zwischen Ost und West kartografiert. Mit einer umfangreichen Sammlung von Interviews zur Frage nach der Verwendung dieser einhundert D-Mark nimmt sie den Vorgang unter die Lupe. Im Nachhinein erscheinen viele der getätigten Käufe kaum die Zeit wert, die man dafür in der Warteschlange zubringen musste. Ein Teil der Betroffenen hat diesen Vorgang allerdings weniger ernst genommen, oder sich gar nicht darum gekümmert. Sonst müsste man auch denken, dass bereits in diesem Moment die Mehrzahl der neuen Bundesbürger kapituliert haben oder zur Kapitulation verführt wurden. Die meisten dieser Gegenstände existieren heute nicht mehr, oder stellen eine Art von Konsum-Schrott dar. Ein paar davon bilden eine kleine Sammlung, die Meinfelder in einem Regal angeordnet und mit kleinen Zetteln versehen hat, auf denen, wie bei archäölogischen Fundstücken, kurz der Name der KäuferIn und der Grund der Kauf-Entscheidung vermerkt sind. Ausführlichere Schilderungen der Art und Weise, wie einzelne Befragte damit umgegangen sind, macht die Stimme eines professionellen Sprechers hörbar.
Als Pendant dazu erscheinen an die Wand projizierte Texte, die ebenfalls im Rahmen einer Befragung erhobene Aussagen von Westdeutschen mit ihren ersten Erfahrungen mit Ostdeutschland wiedergeben. Während man nun versucht, gleichzeitig zuzuhören und zu lesen, was faktisch unmöglich ist, kommt einem der Verdacht, dass es sich hier auch um inhaltlich inkompatible Erfahrungen handelt, deren letztliche Unvereinbarkeit durch die Inszenierung betont wird. Immerhin bekommt man aber auch genug Bruchstücke mit, um zu erkennen, dass sich in der kurzen Übergangszeit der Wende Raum für eine Vielfalt von Erfahrungen bot, deren Potential danach irgendwie versandete.
Jedenfalls wird einem angesichts dieser Stellungnahmen wieder einmal klar, dass die Geschichte der Wiedervereinigung und der durch sie geschaffenen Fronten im Raum der Kunst kaum noch problematisiert werden. Meinfelder beharrt auf der Aktualität dieses Themas – ein Ansatzpunkt, den man weiter verfolgen sollte.

Text von Michael Hauffen, Springerin 3/07





Peggy Meinfelder »Revision of Production«

The fall of the Berlin Wall was without a doubt partly an act of sovereign self-determination on the part of people who were suffering under an absurd configuration of power. However, the pious wish for new impulses for the now-lethargic democracy that made the other Germany into »new Länder« soon dissolved into thin air again. What remains is the stale taste of old clichés that were reactivated despite the temporary feeling of a new start – clichés about the superiority of Western resourcefulness over Eastern backwardness and consequent inability to cope with neo-liberal demands. People in the West at first enjoyed the horrible scene of decline and backwardness compared with their own standards, but soon forgot this kind of romanticism and proceeded to exploit the chances for investment it offered, thus establishing a kind of colonialism in their own country. The hype of the Leipzig schools of painting could also be seen as a consequence of this boom, even though the zenith has probably been reached both here and there.

Peggy Meinfelder, who grew up in the south of the GDR right next to the border fence, dissociates herself clearly from the kind of help and discoveries that in the end only lead to the wealth of the consumer culture being seen as the criteria of freedom. Her work »Westpaket« shows vividly what kind of presents Western benefactors gave to their Eastern relatives, and how the recipients obviously used a strictly formalised distribution of the small quantities of cheap sweets and baking ingredients to try and avoid the feeling of being treated as second-class citizens. In it, she gives an example of how the propagated freedom of the West already concealed its less respectable sides even before the Wall came down.

The new regime’s invitation to take the first steps towards a consumer existence was first seen on a really large scale in the guise of the so-called »welcome money«. For Meinfelder, these »100 West marks« were a sort of key social scene, whose traces she uses to map the symbolic walls between East and West which exist to this day. To examine this occurrence, she presents a large collection of interviews about how people used these one hundred D-marks. In retrospect, many of the things people bought seem barely worth the time spent waiting in line. Some of those involved took the matter much less seriously, however, or didn’t bother with it at all. Otherwise one would have to think that in this moment the majority of the new citizens of the Federal Republic had capitulated or was enticed into surrendering. Most of these objects no longer exist today or represent a sort of consumer junk. A few of them form a small collection that Meinfelder has arranged on a shelf and provided with little labels upon which, as with archaeological finds, the name of the buyer and the reason for deciding to purchase the item are given. More detailed descriptions of the way in which individual interviewees dealt with the situation are given by the voice of a professional speaker.
As a counterpart to this, projected texts appear on the wall showing responses by West Germans to questions about their first experiences with East Germany. While the exhibition visitor now tries to listen and read at the same time, which is of course impossible, the suspicion arises that there are incompatible experiences in play here as well, whose basic irreconcilability is highlighted by the presentation. However, one gleans enough fragments to realise that the short transition period after the fall of the Wall offered space for a variety of experiences, whose potential later somehow petered out.
At any rate, these various points of view make it clear once more that the history of the reunification and the fronts it created are barely being addressed any more in the artistic sphere. Meinfelder insists on the relevance of this topic – an approach that should be followed up.

Text by Michael Hauffen, Springerin 3/07
Translation: Timothy Jones